Samstagsbrief
Die Nilpferde wussten es
Guten Morgen aus Kiel,
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Vor ein paar Tagen habe ich wahrscheinlich zum 100. Mal einen Vortrag angesehen, den ich seit Jahren kenne und der mich jedes Mal erwischt – und nicht nur das: Er hat die Art und Weise, wie ich berate, verändert. Ernesto Sirolli, ein sehr sympathischer Italiener, steht 2012 auf einer TED-Bühne in Neuseeland und erzählt von seinem ersten Job: 21 Jahre alt, Entwicklungshelfer in Sambia, Anfang der Siebziger.
Die Idee seiner Organisation war einfach. Ein fruchtbares Tal am Sambesi, und niemand baute dort etwas an. Also brachten die Italiener Saatgut mit und zeigten den Menschen, wie man Tomaten zieht. Die Einheimischen hatten kein Interesse; man bezahlte sie fürs Mitarbeiten. Die Tomaten wurden prächtig, größer als zu Hause in Italien. Seht ihr, sagten die Helfer, so einfach ist Landwirtschaft.
Als die Tomaten reif waren, kamen in einer Nacht 200 Nilpferde aus dem Fluss und fraßen alles. Die Italiener waren außer sich: „Oh Gott, schaut mal, die Nilpferde!“ Die Einheimischen nickten und sagten: „Ja. Das ist der Grund, weshalb wir hier keine Landwirtschaft haben.“
„Warum habt ihr uns das nicht gesagt?“ – „Ihr habt uns nie gefragt.“
200 Nilpferde · eine Frage hätte das ganze Projekt gerettet. Sie wurde nicht gestellt, weil die Helfer schon mit der Antwort angereist waren.
Sirolli hat aus dieser Nacht einen Beruf gemacht. Vierzig Jahre später sagt er, seine Methode sei in 300 Gemeinden angewandt worden und habe 40.000 Unternehmen beim Start geholfen. Und er beschreibt sie auf der Bühne mit sichtlichem Vergnügen: „Ich mache etwas sehr, sehr Schwieriges. Ich halte den Mund und höre zu.“
Was das mit Deinem Unternehmen zu tun hat
Ich erzähle Dir das nicht wegen Afrika. Ich erzähle es, weil ich die Nilpferde kenne. Sie stehen in jedem Betrieb.
Der Inhaber hat eine Lösung – eine neue Software, eine neue Prämie, eine neue Struktur – und rollt sie aus. Die Leute machen mit, weil sie bezahlt werden. Drei Monate später ist alles aufgefressen, und der Inhaber sagt: Die wollen einfach nicht. Dabei wusste der Mann an der Säge seit Jahren, warum das nicht funktionieren kann. Er hat es nie gesagt. Ihn hat nie jemand gefragt.
Das Wertvollste, was ich in 800+ Beratungen gelernt habe, ist unbequem für jemanden, der fürs Antworten bezahlt wird: Die Diagnose liegt fast immer schon im Betrieb. Irgendjemand kennt die Nilpferde. Man muss ihn nur fragen – und dann still sein, auch wenn die eigene Lösung schon auf der Zunge liegt.
Sirolli hat das in einen Satz gepackt, und ich habe keinen besseren gefunden: Wenn Du jemandem helfen willst, halt die Klappe und hör zu.
Ich wünsche Dir ein wunderbares Wochenende.
Herzlich,
Olaf
Der Vortrag: Ernesto Sirolli bei TED · Zum Nachhören: Chefsache Krise, Folge 28 – niemand hat je eine Firma allein gegründet
Rosenbaum